Buchtipp: 1Q84 von Haruki Murakami

„Ein Gummibaum ist die ideale Verwandtschaft“

Veröffentlicht am 12. Oktober 2011 von Gastautor
Kategorien: Kultur & Freizeit

Als ich das Buch das erste mal in Händen hielt, dachte ich „Nein, bitte keine Sciencefiction.“ Ich bin nicht grade das, was man Fan von Parallelwelten, Raumschiffen und Außerirdischen nennt („Star Wars“ mag hier ausgenommen sein).
Doch nichts von alldem trifft zu, kein einziges Raumschiff, keine Aliens, keine Welt, in der Roboter regieren. Es ist die Geschichte zweier Menschen auf der Suche.

„Also dann“, sagte der Fahrer in den Rückspiegel. „Ich möchte ihnen noch etwas mit auf den Weg geben: Die Dinge sind meist nicht das, was sie zu sein scheinen.“
Die Dinge sind nicht, was sie zu sein scheinen, wiederholte Aomame bei sich. Sie runzelte leicht die Stirn.
„Was meinen Sie damit?“
Der Fahrer sprach sehr nachdrücklich. „Also, Sie werden jetzt etwas Ungewöhnliches tun, nicht wahr? Am helllichten Tag über eine Treppe von der Stadtautobahn hinuntersteigen. Das ist etwas, was normale Menschen nicht tun. Insbesondere Frauen nicht.“
„Wahrscheinlich nicht.“ sagte Aomame.
„Wenn man so etwas tut, kann es sein, dass einem der Alltag anschließend ein wenig – wie soll ich sagen – verschoben erscheint. Verglichen mit sonst. Ich habe diese Erfahrung selbst schon gemacht. Aber man darf sich nicht von dem äußeren Schein täuschen lassen. Es gibt immer nur eine Realität.“

(S. 18-19)

1984. Aomame, Fitnesstrainerin, steigt auf einer schmalen Treppe von der Stadtautobahn hinunter und begeht einen Auftragsmord. Danach berichten die Nachrichten von Dingen, die ihr noch nie zu Ohren gekommen sind. Ihre Theorie: Eine Parallelwelt. Um diese von ihrem alten Leben zu unterscheiden gibt sie ihr den Namen 1Q84.

Q für questionmark – Fragezeichen.
Sie nickte sich im Gehen zustimmend zu.
Ob es mir gefällt oder nicht, dachte sie, ich befinde mich jetzt im Jahr 1Q84. Das mir vertraute Jahr 1984 existiert nicht mehr, wir haben jetzt 1Q84. Die Atmosphäre hat sich verändert, und die Szenerie hat sich verändert.

(S. 199)

(Eine Spielerei des Autors, nebenbei bemerkt, denn im Japanischen spricht man „neun“ „kyu“, also wie das englische „Q“ aus.)

Zur gleichen Zeit. Tengo, Hobbyschriftsteller, Mathematiklehrer, soll den Roman der 17-Jährigen Fukaeri überarbeiten, damit sie dafür einen Literaturpreis bekommt. Eigentlich hat er Vorbehalte, doch die Geschichte lässt ihn nicht los.

„Die Little People gibt es wirklich.“, sagte sie leise.
„Es gibt sie wirklich?“
Fukaeri schwieg einen Moment. „Sie sind wie Sie und ich.“, sagte sie dann.
„Wie du und ich.“, wiederholte Tengo.
„Wenn sie wollen, können Sie sie sehen.“
Fukaeris schlichte Sprache hatte eine seltsame Überzeugungskraft. Die einzelnen Worte kamen aus ihrem Mund, als würden Keile in genau der richtigen Größe in passende Lücken getrieben.

(S. 95)

Und dann gewinnt Fukaeri den Preis und ihr Buch wird veröffentlicht. Doch ihre Geschichte ist reale als zuvor angenommen …

Am Himmel standen zwei Monde. Ein großer und ein kleiner. Nebeneinander. Der große war der ihr vertraute gute alte Mond, er war fast voll und gelb. Aber neben ihm befand sich ein weiterer Mond, der ihr ganz und gar nicht vertraut war.

(Klappentext)

Ein Buch, das sprachlos zurücklässt. Faszinierende Verflechtung der Ereignisse; bis ca. zur Hälfte tappt man (wie eigentlich immer bei Murakami) im Dunkeln, wie das jetzt alles zusammenhängt. Aber das tut dem Ganzen keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Die Verwirrung ist nicht unangenehm, es ist spannend und doch alltäglich, mitreißend und doch nicht reißerisch – man steht im Fluss und sieht hinab auf das Wasser, die Strömung ist stark, aber nicht so stark, dass man untergeht.
Sanft aber bestimmt wird man mitgezogen – 1020 Seiten in drei Tagen.
Ein präziser Stil, einfach aber wunderbar treffend, machen die Dialoge einzigartig

„Übrigens, hast du eine Familie, die im Falle einer Lawine zu benachrichtigen ist?“
„Nein.“
„Du hattest nie eine oder du hast eine und doch keine?“
„Letzteres.“
„Gut“, sagte Tamaru. „Frei zu sein ist das Beste. Ein Gummibaum ist die ideale Verwandtschaft.“

(S.645)

Das Gefühl, etwas ganz besonderes in Händen zu halten stellt sich bereits auf den ersten Seiten ein, die Art zu schreiben gleicht weder deutschen noch amerikanischen Autoren, eigentlich gleicht sie nichts, was mir bis jetzt bekannt ist. Wort- und Bildgewaltig beschreibt Murakami Personen, Orte und Atmosphären; man kann gar nicht anders, als alles vor sich zu sehen und es mitzuerleben.
Aus meiner Sicht kann ich das zwar schlecht beurteilen, aber ich denke nicht, dass man Japan besonders mögen muss, um das Buch zu mögen. Man muss sich nur auf etwas Neues einlassen, auf eine neue Art, Geschichten zu erzählen.

Tengo zögerte kurz und sprach dann seine Bedenken aus.
„Im Grunde habe ich das Gefühl, dass alle möglichen Dinge nicht richtig ineinandergreifen und alles schiefgeht.“
Fukaeri wandte sich Tengo zu und blickte ihm direkt ins Gesicht. „Angst“, fragte sie.
„Ob ich mich vor etwas fürchte?“, formulierte Tengo ihre Frage aus.
Fukaeri nickte stumm.

(S. 183)

Auch wenn 1020 Seiten abschreckend klingen mögen, lohnt es sich auf jeden Fall, dieses Meisterwerk zu lesen – allerdings nicht als kurzweilige Unterhaltung. Man sollte sich bewusst sein, worauf man sich einlässt, leichte Kost ist es jedenfalls nicht. Der ein oder andere wird reichlich Stoff zum Nachdenken finden – während und nach der Lektüre. Schon alleine die Geschichte von der Stadt der Katzen ist ein Thema für sich.

Allerdings
möchte ich hinzufügen, dass ich denke, dass dieses Buch für unter 15-Jährige nicht geeignet ist. Sex spielt eine Rolle, wobei die Art des Beschreibens für Jüngere nicht angemessen ist (und nein, dass soll euch nicht neugierig machen, ich meine das ernst). Gewalt ist an der Tagesordnung, wobei das Ganze nie grausam wirkt. Ich denke nur, dass das Gesamtbild und die Selbstverständlichkeit für eben Genannte noch nicht geeignet sind.

Haruki Murakami
1Q84. Buch 1&2
1024 Seiten, Hardcover
Aus dem Japanischen von: Ursula Gräfe
Originaltitel: 1Q84
Verlag: DuMont Buchverlag
Erscheinungsjahr: 2010
EUR 32,00
ISBN 978-3-8321-9587-8

Eine Leseprobe gibt’s hier. (Und für wen 32 Euro zu teuer sind – Die Stadtbücherei hat es bestimmt 😉 )

Alle Zitate entnommen aus der oben genannten Ausgabe.

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