Umgang mit den neuen Medien in der Diskussion

Handyfreie Zone?

Veröffentlicht am 13. März 2012 von Gastautor
Kategorien: Schule, Top-Themen
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Hektisch trommeln ihre Finger auf den kleinen Bildschirm, sie müssen irgendeinem Frosch beim Fressen helfen. Ich kenne mich da nicht so aus, mein Handy hat noch Tasten. In der Stunde danach wird jeder, der auch nur das Wort Handy denkt, ermahnt – eine Ausnahme. In der Pause geht es weiter wie gewohnt: SMS an Freunde, die Eltern, egal. Irgendwas muss immer erledigt werden, irgendwen muss man immer grade irgendwas fragen. In der siebten Stunde sind alle ganz lieb und packen ihr Handy weg – da klingelt eins. Der Lehrer wird hektisch: es ist seins. Das ist allerdings nicht das erste mal, das hatten wir vor drei Wochen schon einmal. „Wieso hat er hier Empfang? Ich hab hier nie Empfang!“ Flüstert es aus der letzten Reihe. „Ich – tschuldigung – komme gleich wieder“ stammelt es vorne und flüchtet nach draußen. Kommt wieder rein. Fünf Minuten später piept das Handy wieder. „Wer ist das denn? Eben hat der einfach aufgelegt“, schimpft er und verschwindet wieder nach draußen. Ich denke an die sechste Stunde zurück und frage mich, wen das angekündigte Handyverbot wohl am meisten treffen würde.

Störfaktor Handy
Wenn mitten in der Stunde auf einmal das Handy klingelt, wird es entweder ganz still und alle gucken sich unschuldig um, vereinzelt wird gekichert – oder alle beginnen wie auf Kommando zu husten. Beides nicht sehr unauffällig und beides stört. Meist geht es danach nahtlos im Unterrichtsgeschehen weiter; nichts passiert. Es sei denn, die entsprechende Lehrperson fühlt sich persönlich beleidigt und nicht ernst genommen. Dann folgt ein Vortrag. Je nach Gewissen des Schülers hilft er oder nicht: Entweder ist es dem Übeltäter ohne hin bereits so peinlich, dass eine Predigt gar nicht mehr notwendig ist, um ihn dazu zu bringen, demnächst zehn mal zu überprüfen, ob die Lautlos-Funktion auch wirklich eingeschaltet ist – oder es ist ihm ohnehin egal, weswegen er entsprechende Funktion von vorne herein nicht nutzt. Dann bringt auch der Vortrag nichts mehr. Denn um ganz ehrlich zu sein: So einen Kick gibt es nun wirklich nicht, das Handy nicht auf lautlos zu stellen und darauf zu hoffen, eine SMS zu kriegen, um den Lehrer mit dem Piepen zu ärgern. So viel zur unerwünschten Musik im Unterricht. Ein Verbot sollte sie logischerweise nicht nach sich ziehen; ein aus oder stumm schalten reicht hier wohl völlig.

Sinnvolle Mitteilungen wie „Miaauu“ oder „Booom“ schwirren durch das Schulgebäude

Alltag an unserer Schule

Was jedoch nicht abgestritten werden kann ist, dass das Smartphone eine neue Generation der Ablenkung darstellt. Hinter Federmappen und Taschen „versteckt“ – wobei sich nicht wenige fragen, ob die Lehrkraft es einfach nicht bemerken will – liegen sie auf den Tischen, beherbergen Spiele, facebook und Co., um dem gelangweilten Schüler auch in der Unterrichtszeit eine spannende, bunte Welt zu bieten. Diese lautlosen Tätigkeiten sind viel konzentrationsraubender als das gute alte Gekritzel auf dem Collegeblock. Auch wer mit Argumenten aufwartet, Handys würden bloß den durch die Klasse gereichten Zettel als Kommunikationsmittel ersetzen, dürfte sich gewaltig irren: Wer einen Zettel durch die Reihen schickt, überlegt es sich dreimal, ob das nicht auch bis nach der Stunde warten kann. Wer ein Handy vor sich liegen, vielleicht noch Frei-SMS hat, der schickt auch schon einmal so sinnvolle Mitteilungen wie „Miaauu“ oder „Booom“ durch das Schulgebäude. Wenn er denn Empfang hat. Das kommt nämlich noch erschwerend hinzu: in unserer Schule ist der Empfang teilweise nicht grade berauschend, was bedeutet, dass andauernd die Fenster offen stehen, damit die Junkies Internet und Empfang haben. Da muss die Aufrechterhaltung der eigenen Körpertemperatur schon mal hinten an stehen.

„Können Sie das grade nachgucken? Mir fällt das Wort nicht ein …”

Wikipedia kennt die Lösung auf Lehrerfragen

In den Klausuren wird dann das im Unterricht gelernte unter Beweis gestellt. Wobei wir hier nicht etwa vom Unterrichtsstoff reden; der ist ja „Miaauu“ und „Booom“. Wir reden von der Fertigkeit, das Smartphone möglichste geschickt vor den Augen des Pädagogen zu verbergen, um das, was wegen des Dauergedudels im Unterricht nicht gelernt wurde, rasch im Internet nachzuschlagen. Hoch lebe Wikipedia. Da fragt man sich als Mensch aus der Steinzeit, dessen Handy noch kein Internet hat, wozu man sich eigentlich noch die Mühe macht und lernt, wenn es doch reichen würde, sich das richtige Handy anzuschaffen … allerdings überwiegt meist die Schadenfreude in den Klausuren, in denen die Augen des Lehrers schärfer sind und die Handys alle abgegeben werden müssen. Balsam für meine Seele.

Allerdings birgt der kleine Alles-Könner auch durchaus Vorteile: Gerade in den Fremdsprachen ist er im Unterricht ein beliebtes Hilfsmittel; nicht wenige Lehrer sind erleichtert, wenn ihnen das Nachschlagen im Wörterbuch erspart bleibt. „Zerspannungsmechaniker – können Sie das grade nachgucken? Mir fällt das Wort nicht ein …“.

Und jetzt – verbieten?
Ein komplettes Handyverbot wäre schon alleine aus dem Grund nicht angemessen, da jeder Oberstufenschüler das Recht haben sollte, seine Freistunden so zu verbringen, wie er möchte – mit Musik oder Spielen oder Hausaufgaben. Wer drei Freistunden am Stück hat und zu weit entfernt wohnt, um nach Hause zu fahren, wird sich bedanken, wenn es ihm demnächst untersagt wird, wenigstens Musik zu hören. Und wo wir gerade bei weit entfernt sind: natürlich hat auch die Grundfunktion jedes Smartphones, Handys, Blackberry, watweißich, ihren Nutzen: das Telefonieren. Was machen, wenn die Mutter einen nach der 7. Stunde abholen will, nun allerdings die letzten drei Stunden ausfallen? Natürlich könnte man warten. Muss man aber nicht. „Wir haben ein Telefon im Sekretariat“, kam als Argument. Und ganz bestimmt sogar wären unsere Sekretärinnen mehr als begeistert, wenn 26 Achtklässler durch den kleinen Raum turnen, um Mami anzurufen. Auch bei Krankheitsfällen wird es momentan bereits lieber gesehen, wenn man vom eigenen Handy anruft – zumal man in diesem Fall nicht erst langwierig die Nummer in das Schultelefon tippen muss.

Das Handy bleibt während des Unterrichts aus oder stumm und in der Tasche – das ist die Regel, die derzeit gilt. Dass sie nicht eingehalten wird, ist nicht schwer zu übersehen. Frage: Würde ein Handyvebot eingehalten werden? Bei der Durchsetzungskraft, die von den Lehrkräften schon jetzt an den Tag gelegt wird, ist das eher zu bezweifeln. Natürlich ist es nicht ihre Aufgabe, jedes Handy einzusammeln. Allerdings gibt es sehr wohl Pädagogen, bei denen sich kein Schüler traut, das Wort Handy auch nur zu denken …

Als ob eine Regel, die schon jetzt nicht beachtet wird, mehr Sinn machen würde, wenn man sie verschärft. Den meisten Quartanern könnte man doch eher ein Bein abschrauben, als ihnen vorzuschlagen, ihr Handy zu Hause zu lassen …

Das Verbot, ein Handy mit zur Schule zu bringen, zöge den Unmut aller Schüler nach sich, ganz sicher Proteste und Gegenmaßnahmen seitens der Schülerschaft. Zudem bezweifele ich das Durchsetzungsvermögen einer solchen Regelung, gerade angesichts der unglaublichen Entschlossenheit, mit der schon jetzt viele Lehrer gegen Handys im Unterricht vorgehen. Haha. Als ob eine Regel, die schon jetzt nicht beachtet wird, mehr Sinn machen würde, wenn man sie verschärft. Den meisten Quartanern könnte man doch eher ein Bein abschrauben, als ihnen vorzuschlagen, ihr Handy zu Hause zu lassen… Und in den folgenden Jahrgängen wird das nicht besser.

Wie wäre es, erst einmal bestehende Regelungen durch zu setzten, nämlich Handys im Unterricht außerhalb der Taschen, bzw. nicht stumm geschaltete Telefone, einzusammeln, bevor man sich an so etwas großes wie ein allgemeines Handyverbot wagt?

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